Jun 19 - Jun 26 2021


New Flowers

Schaufensterinstallation / Window exhibition

Vernissage: 19.06.2021, start 22:00  

Galerie offen für Besucher:
Mittwoch, den 23.06 und Samstag, den 26.06.2021, 23:00 – 24:00

Open Gallery:
Wednesday, 23.06 and Saturday, 26.06.2021, 23:00 – 24:00  

Eine Ausstellung von Henrik Hjort, mit Arbeiten von Bruno Ziebell  
An exhibition by Henrik Hjort, supported with works by Bruno Ziebell  

NEW FLOWERS
Es gab eine Tür in unserer Wohnung, die ich kaum bemerkte.
Wir wohnten bis zu meinem 14. Lebensjahr in der Keulgass',
doch ich schenkte ihr lange keine Beachtung.

Ihr Holz war schwarz, so wie der Boden.
Es waren in den Rahmen zwei Haken geschraubt,
ich hängte meinen Hut dort auf und an den Messingknauf meinen Schal.

Gleich neben dem Spiegel, an der Pforte gelegen,
wurde die ihr gegenüberliegende Wand vom einfallenden Küchenlicht
beschienen,
während sie sich, mit den Schultern voran, sachte in das Düster schmiegte.

Ich ging mehr früh zu Bett,
meinem Vater war das Sitzen lieb.
Oft fand ich ihn am Morgen im angetrauten Sessel wieder und fragte mich, ob er darin schlief.
Dann las er viel und sprach er kaum,
er trug dann immer frische Kleidung.

Eines Nachts war eine Maus in meiner Kammer,
sie hing hinab, in der Nische von Wand und Gebälk.
Ich verließ das Zimmer, um den Vater herbeizubitten.
Er musste unten sein, denn Licht brannte dort noch.

Den Vater fand ich nicht.
Er lag nicht bei der Mutter, saß nicht im alten Polsterstuhl.
Unsere Wohnung, so verwinkelt und riesenhaft und über zwei Stockwerke, verteilten sich unzählig die Kammern und Verschläge.
Ich schlich mit Vorsicht an der Wand entlang, tastete den Weg an finstren Stellen.

Durch die Spalten im Türbrett, die sich zwischen all den verleimten
Brettern auftaten, glomm ein dumpfer roter Schein,
der nur durch die totale Dunkelheit sichtbar ward,
in die der Flur sich hüllte.
Scharf glänzte es an den Kanten der Bilderrahmen
und weich schien es auf die geknäulte Wäsche und den geschundenen
Fußabtreter.

An der nur angelehnten Tür tat ein Spalt sich auf,
stellte eine gerade, rote Linie in den Raum.
Als ich mich näherte, erkannte ich, wie zarte Moos-Kissen ihren Strich brachen,
an ihrer Silhouette strahlte das Licht auf winzige, kissenhafte Berglandschaften.
Wie erdferne Waldflächen streute sich ihr feines Haar über die Hügel,
krümmte sich am Holz scharf ein, während dorthin die Triebe immer
kürzer und dichter wurden.

Das Moos zog in den Raum.
Zunehmend schwärzer werdend, stachen die grünen Ballen von der
gefliesten Wand hervor.
Ich stand klamm im finstren Türrahmen und spähte durch den Spalt.

Aus fleischig-schwarzen Blüten, an langen Hälsen wachsend, strahlte es rot.
Kissen von dichtem Moos überwucherten das gradlinige Muster aus
Fliesen, befleckten Wände und Boden
und wurden mit jedem Meter Entfernung immer unsichtbarer.
Ganz hinten saß der Vater,
weit vornübergebeugt, hin zu einer der Inseln aus Wuchs.
Ich sah ihn mit kleiner Schere die Flächen trimmen.

Als er mich sah und auf mich zutrat,
erloschen, seinem Schritt folgend, die Lichter,
um dann wieder zu erklimmen, sowie er vorüber war.
Er war sein bloßer Umriss, wie er den Raum durchquerte.

Taumelnd, wie in Trance, stand ich dort und klagte:
„Vater... Vater, was tust du hier bloß!“
Er sprach:
„Keine Angst, Kind,
sachte,
tritt ein.
Ich raste nur.
Ich gärtner' und träume von echter Natur.“
FOR THE NOCTURNAL